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Eine Kultur des Hinsehens

Und dann steht plötzlich diese Frau vor uns, eine dieser beigefarbenen Großmütter, denen man im Karstadt-Restaurant tagsüber zu Dutzenden begegnet, und sie schaut mich streng an und sagt, dass sie uns jetzt schon eine Weile beobachte und dass es doch nicht normal sei, wie das Kind schreie und nörgele die ganze Zeit und dass sie doch auch Kinder gehabt habe und bei denen sei das nicht so gewesen. "Von eins bis drei gehören Kinder ins Bett, das müssen Sie sich mal merken", sagt sie noch und ist schneller verschwunden, als ich "Geh doch sterben" sagen kann.

Und Tage später im Stadtcafé kommt diese lilafarbene alte Frau an unseren Tisch und sagt, dass sie uns nun schon eine Weile beobachte und gerade zu ihrer Freundin gesagt habe, was für ein toller Vater ich doch sei, wie ich das Kind betüdele die ganze Zeit. Und dass es so etwas früher nicht gegeben habe, da seien Väter nicht so liebevoll gewesen. Und dann streicht sie dem Kleinen noch schnell über den Kopf und mir beinahe auch, aber dann doch nicht.

Unentschieden, würde ich sagen.

schmerles   
Seit ich Vater von so 1 Säuglingerin war, kann ich kein Kind mehr jammern, wimmern, krakeelen hören, ohne gleich einen starken Helfenreflex zu verspüren. Weil ich mir an fremden Kindern aber nicht zu schaffen machen kann und will oder sollte, verlasse ich die Geräuschzone voller Mitleid und schnell.


ichichich   
Unterdrücken Sie den Reflex. Man würde es Ihnen nicht danken.


kid37   
Stimmt aber: Von eins bis drei gehöre ich auch ins Bett. Wenigstens in der Nacht. Sonst werde auch ich ganz nörgelig.


mariong   
Ja. Jeder fühlt sich da kompetent. Jeder.
Das ist erst der Anfang.
Irgendwann habe ich "abgeschaltet".

Wie in der Fabel:

Die Fabel von dem Vater, dem Sohn und dem Esel

Einst ging ein Mann mit seinem Sohn zum Markt. Er nahm seinen Esel mit und ritt auf ihm; sein Sohn ging nebenher. Da begegneten ihnen Leute, die verwundert sprachen: ”Wie kann der Alte reiten und das Kind laufen lassen.? Er sollte besser selber gehen und das Kind aufsitzen lassen.” – Der Alte richtete sich nach diesen Worten und ließ seinen Sohn reiten. Sie begegneten zwei Männern, und der eine sagte zum andern: ”Der Alte ist ein Narr, daß er selbst läuft und den Knaben reiten läßt.” Nun setzte sich der Vater zu seinem Sohn auf den Esel. Als sie wieder Leute trafen, sagten die: ”Um Gottes willen, die beiden reiten den Esel zuschanden!” – Nun stiegen beide ab und liefen neben dem Esel her. Da kamen Männer und Frauen und sagten: ”Schaut diese Torheit: da läuft der alte Mann mit seinem Sohn, und den Esel lassen sie ledig gehen!” – Da sprach der Vater: ”Wir wollen nun beide den Esel tragen; ich möchte wissen, was die Leute dazu sagen.” Sie banden dem Esel die Beine zusammen und trugen ihn auf einer Stange. Die Leute sagten: ”Man sieht, daß beide Narren sind.” Da seufzte der Alte und sprach zu seinem Sohn: ”Wie wir es auch gemacht haben, keinem war es recht. Darum rate ich dir, immer das Richtige zu tun; dann wirst du selig werden.” – Wer in Ehren bestehen will, soll sich durch Gerede nicht irre machen lassen. Was man auch Gutes tut, der Welt ist es nicht gut genug.


DaveKay   
schade dass die erste so schnell war, es hätte den Spaßfaktor der Geschichte vermutlich noch gehoben.
Ich habe die Damen (sogar mit Herren manchmal auch) früher immer im Horten gesehen. Karstadt gab es bei uns nicht und heute gehe ich nicht mehr durch Kaufhausrestaurants.


giardino   
Hm. Natürlich ist die lila Frau sehr lieb und ihr Lob berechtigt (wobei ich persönlich nicht sonderlich leiden kann, wenn Fremde meinen, Kinder seien qua Lebensalter zur Betatschung freigegeben). Ich will die Situation auch nicht überbewerten, aber zwiespältig sehe ich das dennoch, denn viel anders als das der grauen Frau ist ihr Weltbild ja eigentlich nicht: Kinderbetreuung ist nach wie vor Frauensache, und deswegen wird man als Mann in dieser Rolle von (sogar fremden) Frauen wahlweise bestärkt oder zurechtgewiesen. Wie oft passiert es, dass eine junge Mutter für liebevollen Umgang mit ihren Kindern gelobt wird?


Irene   
Natürlich ist *früher* der Maßstab vieler älterer Leute. Was erwarten Sie denn. Sie legen ja auch Ihre Maßstäbe an.

Und die Beigefarbene hätte evtl auch eine Mutter belehrt. Wieso reden Sie eigentlich speziell von einer *jungen* Mutter? Ichichich ist doch auch keine zwanzig mehr ;-)


bosch   
Das ist aber rührend. Ich würde sagen, daß Kinder vor allen Dingen nicht in ein Karstadt-Restaurant gehören.

Ich mag ja Lila nicht so gerne.


bov   
Für "Geh doch sterben" muss es doch was kürzeres geben!
"stirb!"? So mit passendem Gesichtsausdruck und Gestik sollte das doch auch reichen.


bov   
"stirb" ist gut. wenn sie dann noch da ist, kann man ja noch ein "doch" anfügen.
Mir ist nochwas mit weniger Silben eingefallen: "Pah! Kratz ab!"


bov   
evt. auch nur: "pah!"
oder: "selber!"
ich glaube, "selber" geht immer.
Ja, "selber" geht immer.


isabo   
Selber!


isabo   
Stimmt.


geheimpolizei   
Bei Ihrer immer wieder öffentlich zur Schau getragenen K-Stadt-Affinität wundert es mich, das sie nicht schon längst mal hier bei uns in Braunschweich gewesen sind. Immerhin haben wir hier auf engstem Raum 3 K-Städte.


rollinger   
Hier mit dem neuen Kleinen kommt man immer im Supermarkt gut mit Jungmüttern oder Nochnicht Müttern ins Gespräch.
Auch gut.


mariong   
weil Sie ein Mann sind






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